DA Krankheitsbegriff

Der daseinsanalytische Krankheitsbegriff

Das daseinsanalytische Verständnis kranken Existierens geht vom Begriff des Gesundseins aus. Das grundsätzliche Wesen des Gesundseins kann gekennzeichnet werden als das optimale, freie Verfügenkönnen über sämtliche einem Menschen mitgegebenen Beziehungsmöglichkeiten gegenüber solchem, was sich ihm vom Offenen seines Weltbereiches her in einem freien Gegenüber zeigt. Dementsprechend ist Kranksein ein Unfreisein, ein Mangel an Gesundheit und letztlich eine Bedrohung des menschlichen Daseins. Es wird eher vom Kranksein als von Krankheit gesprochen, um das Persönliche des menschlichen Daseins zu unterstreichen. Der kranke Mensch ist immer in seinem gesamten Existieren beeinträchtigt. Nicht einzelne Organe werden also von einer Krankheit befallen, sondern das ganze Dasein ist in Mitleidenschaft gezogen.

Gesundsein heißt auch offen sein für Krankheit. Ist es doch eindrücklich zu sehen, wie krampfhaftes Vermeiden, Umgehen, Sichwehren gegen jede Art des Krankwerdens oder Krankseins gerade als krankmachend oder krankhaft anmuten. Ängstliches Vermeiden von Kontakten mit Kranken, Umgehen von Besuchen im Krankenhaus, eine Bakterienphobie etwa oder das Ignorieren somatischer Beschwerden deuten auf einen unfreien Umgang mit dem Kranksein hin. Jede Krankheit verweist den Menschen auf sein Sterblichsein.

Die Möglichkeit des Todes kommt auf den Menschen zu. Krankheit verweist auf Endlichkeit, Beschränktheit und Vergänglichkeit. Der gesunde Mensch aber weiß um seine Vergänglichkeit, ist offen für die Möglichkeit, krank zu sein und krank zu werden. Eine erweiterte Definition von Gesundheit muss demnach das Offensein für Krankheit als Zeichen von Gesundsein mit einbeziehen. Damit verliert das Kranksein die abwertende Bedeutung von Defizienz und Einengung. Es wird erweitert um die Dimension des Krankseins als Aufgabe und der Leidensf?higkeit als Zeichen von Gesundheit.

Existenziale Systematik des Krankseins als Grundlage der daseinsanalytischen Neurosen- und Psychosenlehre und Psychosomatik

Die DA bahnt sich einen systematischen Zugang zum Kranksein durch die dreifache Grundfrage: Auf welche Weise sind welche Beziehungsmöglichkeiten gegenüber welchen Bereichen von Begegnendem eingeschränkt bzw. gestört. Ausgehend vom jeweiligen Sinn- und Bedeutungsgehalt des Krankheitsgeschehens wird versucht, das Wesen der Krankheit durchsichtiger zu machen und die Motive, welche zu einem kranken Verhalten führen und den Menschen in seinen Beziehungsmöglichkeiten einschränken, zu verstehen.